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Leben und Tod
Er benutzt Parfum, das ist unfair uns gegenüber, beschwerten sich alle meine Schulkameraden beim Rektor, er kriegt alle Mädchen, das ist unfair uns gegenüber. Wir können uns das nicht leisten, jeden Tag Parfum zu benutzen, wir sind arm. Es waren natürlich bloß die Schulkameraden aus meiner und den Stufen unter mir, da ich mich mit älteren Mädchen gar nicht abgab. Über ihre Armut konnte ich nur lachen. Deshalb war ich eigentlich hierher gekommen. Viel mehr Spaß, als wenn ich auf das Gymnasium im prunken Villenviertel gegangen wäre, wo meine Eltern damals mit mir lebten. Dort hätte ich mit demselben Geldaufwand gerade ein Mittelklassemädel bekommen, wenn überhaupt. Und hier, hier verdammt konnte ich eins mit einer Tüte Gummibärchen aufreißen. Deshalb also kam ich in dieses Loch, wo man mich bei der Schulleitung des Parfummissbrauchs anklagte. Freilich war sie gekauft - genau wie die Feuerwaffe, die ich immer in meiner Jacke mit mir trug, aus Sicherheitsgründen.
Sie konnte und würde mir demnach nichts anhaben, diese Schulleitung. Obgleich der Vorwurf meiner Mitschüler (“Kameradschaft” mag wirklich das falsche Wort sein) wie angedeutet völlig der Wahrheit entsprach. Mordlust in ihren Gesichtern. Mieses Karma habt’a da, sagte ich zu ihnen, wenn ich mal wieder mit drei ihrer heimlichen Lieben auf einmal auf dem Schulhof rummachte.
Was sie auch ertragen mussten: Ich erreichte auf mysteriöse Weise volle Punktzahl, ohne zur Klausur zu erscheinen. Ein gutes Zeugnis war zwar das Letzte, was ich später brauchen würde. Aber wenn man schon dabei war, einen nahezu absoluten Herrschaftsraum zu haben… Dann fing ich an, Gedichte zu schreiben. Ich kam nachts, mit einem Topf roter Farbe bewaffnet.
Rot ist die Farbe der Liebe
Und die Liebe gehört hier nur einem
Ihr jämmerlichen Diebe
Könnt’s versuchen, aber nicht verneinen
Ich hoffe ihr erstickt an
Eurem eigenen Blut, das ist auch rot
Nachdem ihr rausgebissen habt dann
Eure eigene Zunge aus Schmach und Willen zum Tod
Ziemlich eindeutig, wer der Urheber war, stimmt’s? Versteht sich ebenfalls von selbst, dass keine ernsthaften Versuche unternommen wurden, den Text zu entfernen. Ich ließ den Hausmeister seine Assistenten mit nichts als klarem Wasser da herangehen und sie schürften sich die Handknöchel auf, ja, herrlich. Ein großer Spaß, wie gesagt. Mein nächstes Gedicht lautete folgendermaßen:
Zu viele von euch sind, seh ich, immer noch hier
Ist einfach zu lasch, das Komasaufen mit Bier,
Nehm ich an, wenn man sich nichts leisten kann
Als Oettinger, Oettinger, Oettinger. Bam!
Tja, tut mir Leid, wirklich Leute, hey
Ich guck was ich für euch tun kann
Werd mal mit meinen Freunden bei der CIA
Spreche, ob sie nicht wieder mit Drogenschmuggel anfang’n
Und das H wird so billig wie nie, zuzüglich Gebühren
Könnt ihr immerhin noch zwei Jahre ein erfülltes Dasein als Junkies führen
Wie man sieht hatte ich das mit einem ebenen Versmaß damals noch nicht so drauf, ich orientierte mich auch stark an kontemporärer Rapmusik. Im Großen und Ganzen war ich aber sehr zufrieden mit meinen Disses. Richtig abgefahren wurde es dann mit meinem nächsten Opus, was meiner getreuen Leserschaft leider vorenthalten werden muss, um diesen autentischen Report vor dem Index zu bewahren. Ich erzählte darin davon, wie ich also mit all diesen Mädchen umging, die ich hatte, und sie zu Inter-Spezies-Sex und solchen Dingen zwang, wenn sie sich mir widersetzten; wie sie aber trotz alledem sich mir immer und immer wieder um den Hals werfen würden für nichts als, nun ja, wie gesagt, eine Tüte Gummibärchen vielleicht. Und meinen Schwanz.
Ich hatte damals gerade so ein kleines bisschen von Schillers “Die Glocke” mitbekommen aus dem Unterricht (auch wenn ich eine dazu abgestellt hatte, mir währenddessen unterm Tisch einen zu blasen) und klopfte mir nach meinem dritten Gedicht beinah physisch selbst auf die Schulter, so überzeugt war ich von seiner Qualität, die ich als leicht an “Die Glocke” heranreichend beurteilte, nicht ohne ein paar fachmännische Begriffe in meinem Kopf zu wälzen.
Als nächstes versah ich mein Spiel mit den Gedichten mit etwas mehr Rafinesse. Die anderen Schüler waren natürlich alle viel zu eingeschüchtert, um etwa zu mir zu kommen und mir ihre eigenen Rhymes an den Kopf zu schmeißen, was mich vor das Problem stellte, dass meine eigenen nicht das direkte Ziel besaßen, das ich mir wünschte. Ich kreirte also eine antagonistische Figur zu mir selbst. Ich kam eines nachts mit grüner Farbe und pinselte das folgende:
Fürchtet euch nicht, ihr Leidenden und auf Erden Gequälten
Für mich und andere seid ihr nur: Die ewig Auserwählten
Noch unterdrückt
Bald geschmückt
Von Liebe tausender Jungfrauen, doch ein Wort auch an
Die leidenden Entjungferten an diesem Ort, oh ja:
Ihr seid leidend, keine Frage, und auch euch soll
Erlösung zu Teil werden und Auslöschung aller Erinnerungen
Die euch sonst verfolgten den Rest eures Lebens.
Und höret! Nicht erst im Jenseits - auf Erden schon
Wird mein Meister euch die Wohltat zu tun geruhen.
Nur um dann, nachdem es sich in ihrer aller Herzen fressen hatte können. Es zu überpinseln und in den Dreck zu ziehen, jeden Vers mit Fäkalien in Verbindung zu bringen auf eloquente Weise; ich ließ ewig nicht davon ab und lasse genaue Zitate daher aus an diesem Punkt, weit über 50 Zeilen, die man teils kaum mehr Zeilen nennen konnte, brachte ich überall in blasphemischen Farben an, um alle Hoffnung, alles Selbstwertgefühl von jeder Person an dieser verdammten Schule ein für allemal zu zerstören.
Und dann - verschlang mich eine Grube, eine Grube von metaphysischen Qualitäten; ich weiß nicht, ob es Der Große Cthulhu auf mich abgesehen hat, oder wie dies sonst zu erklären ist. Es ist stockdunkel, es muss eine Grube sein, denn wohin ich laufe, laufe ich gegen eine Wand. Und das Laufen bin ich nun Leid, ich will nur noch auf dem Grund dieser Grube liegen und schlafen. Meinem alten Reimbuch, haha, übereigne ich dieses letzte Zeugnis meiner Existenz. Und vielleicht noch etwas, das an Schiller heranreicht, wenn mir irgendwann das Liegen und Schlafen nicht mehr genügt. Oh, schlafen. Schlafen.


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